Höch­ste Eisen­bahn – 150 Jahre Zugverkehr in Old­en­burg

x500 oldenburg3Der Bahn­hof Old­en­burg in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhun­derts. Foto: Samm­lung D.Lawrenz

Das Jahr 2017 steht im Zeichen der Eisen­bahn: Vor 150 Jahren wurde die erste old­en­bur­gis­che Eisen­bahn­strecke eröffnet. Zu diesem Anlass haben das Stadt­mu­seum Old­en­burg und das Muse­ums­dorf Clop­pen­burg eine Koop­er­a­tion geschlossen und zeigen gemein­sam unter dem Titel „Höch­ste Eisen­bahn“ eine große Ausstel­lung zur Old­en­burger Eisen­bah­ngeschichte. Während die Besucher im Muse­ums­dorf erfahren, wie sich das Leben der Land­bevölkerung durch die Bahn verän­derte, beleuchtet das Stadt­mu­seum die Entwick­lungs­geschichte der Eisen­bahn und deren Fol­gen für die Wirtschaft und das Mobil­itätsver­hal­ten der Men­schen in ihren unter­schiedlichen Facetten. Im Stadt­mu­seum Old­en­burg ist „Höch­ste Eisen­bahn“ bis zum 3. Sep­tem­ber zu sehen, im Muse­ums­dorf Clop­pen­burg bis zum 5. Novem­ber.

x500varelDer Bahn­hof Varel im 19. Jahrhun­dert. Foto aus dem Buch „Die Eisen­bahn in Old­en­burg“ (EK-Verlag, lei­der ver­grif­fen)

Geschichte der Eisen­bahn im Land Old­en­burg

1867 eröffnete Old­en­burg als einer der let­zten deutschen Bun­desstaaten seine erste Eisen­bahn­strecke, die Verbindung zwis­chen der Res­i­denz– und Haupt­stadt Old­en­burg und der Freien Hans­es­tadt Bre­men. Wenige Monate später wurde die Strecke bis zum Kriegshafen Hep­pens, dem späteren Wil­helmshaven, weit­erge­führt. Der Anschluss an das Eisen­bahn­netz, das damals schon weite Teile Europas überspan­nte, führte zusam­men mit dem Bevölkerungswach­s­tum und inno­v­a­tiven Unternehmensgrün­dun­gen zu einem bedeu­ten­den indus­triellen Auf­schwung des Lan­des Old­en­burg. Es entwick­elte sich zum wichtig­sten Lebens­mit­tel­liefer­an­ten für das Ruhrge­biet, Del­men­horst und Varel wur­den Indus­tri­e­s­tandorte und Brake avancierte zu einer inter­na­tional ange­se­henen Hafen­stadt. Die Großher­zoglich Old­en­bur­gis­che Eisen­bahn (G.O.E.) war um die Jahrhun­der­twende nicht nur der größte Arbeit­ge­ber Old­en­burgs, son­dern schuf auch eine Eisen­bahn für Land und Leute: Dies zeigt sich zum einen an einer gün­sti­gen Preis­poli­tik, zum anderen an der Streck­en­führung, mit der möglichst viele Gemein­den an das Gleis­netz ange­bun­den wur­den.

x550 oldenburg2Der alte Old­en­burger Haupt­bahn­hof. Foto: Samm­lung D.Lawrenz

Das Ende des Ersten Weltkriegs bedeutete zugle­ich das Ende der Monar­chie und das Ende der alten Eisen­bah­nord­nung. Die G.O.E. ging wie alle Län­der­bah­nen 1920 auf das Reich über und wurde Teil der Deutschen Reichs­bahn, deren Geschicke von Berlin aus gelenkt wur­den. Nach wie vor waren Eisen­bah­n­wag­gons die wichtig­sten Trans­port­mit­tel im Land. Dies änderte sich auch während der NS-Zeit nicht, in der das NS-Regime die Reichs­bahn für seine Zwecke einspan­nte. Während des Krieges wur­den ver­mehrt Zwangsar­beiter bei der Bahn einge­setzt, in Old­en­burg waren es 515 Zwangsar­beiter und Kriegs­ge­fan­gene, die über­wiegend aus den Nieder­lan­den, Polen und der Sow­je­tu­nion stammten.

Die Bedeu­tung der Eisen­bahn als Trans­port­mit­telt änderte sich in den 1950er Jahren mit dem Siegeszug des Auto­mo­bils und der Ver­lagerung des Güter­verkehrs auf die Straße. Die Devise der Deutschen Bun­des­bahn in West­deutsch­land lautete Ratio­nal­isierung. Ganze Strecken und Bahn­höfe wur­den still­gelegt. Nach der Wiedervere­ini­gung wurde mit der Bah­n­re­form 1994 die Ver­ant­wor­tung für den öffentlichen Nahverkehr in die Hand der Bun­deslän­der gelegt. Ob es gelingt, Wirtschaftlichkeit und Ver­sorgungsauf­trag in Ein­klang zu brin­gen, wird die Zukunft zeigen.

Diese wech­selvolle Unternehmensgeschichte der Bahn und ihr Ein­fluss auf unseren Leben­sall­tag in den ver­gan­genen 150 Jahren ist Thema der Ausstel­lung „Höch­ste Eisen­bahn“ im Stadt­mu­seum Old­en­burg und im Muse­ums­dorf Clop­pen­burg. Dabei wer­den unter­schiedliche Schw­er­punkte gesetzt.

x500karteoldenburgDie Eisen­bahn­strecken von Old­en­burg bis Wil­helmshaven und bis Hude. Karte aus dem Eisen­bah­nat­las Deutsch­land (Ver­lag Schweers+Wall)

x500kartebremenDie Eisen­bahn­strecke von Hude bis Bre­men. Karte aus dem Eisen­bah­nat­las Deutsch­land (Ver­lag Schweers+Wall)

Ausstel­lungss­chw­er­punkte im Stadt­mu­seum Old­en­burg

Mit beein­druck­enden Bildern sowie kul­tur– und tech­nikhis­torischen Exponaten und Doku­menten, Fil­men und Insze­nierun­gen spannt die Ausstel­lung im Stadt­mu­seum Old­en­burg einen Bogen von der Grün­dung der Großher­zoglich Old­en­bur­gis­chen Eisen­bahn (G.O.E.) im Jahre 1867 bis hin zu aktuellen Entwick­lun­gen. Fünf Sta­tio­nen markieren diese Bahn– und Zeitreise. In der ersten Sta­tion wird die Frage beant­wortet, warum Old­en­burg im Ver­hält­nis zu vie­len anderen Bun­desstaaten erst mit großer Ver­spä­tung Anschluss an das Eisen­bahn­netz erhielt. Dabei kön­nen die Besucherin­nen und Besucher auch erfahren, was Kün­stler über das begin­nende Eisen­bahnzeital­ter dachten.

Im Mit­telpunkt der zweiten Sta­tion steht der Auf– und Aus­bau des Bahn­net­zes zwis­chen 1867 und 1920. Ein inter­ak­tiver Medi­en­tisch verdeut­licht die wirtschaftliche Entwick­lung ent­lang der Strecke Bre­men – Neuschanz. Und unter dem Stich­wort Mobil­ität geht es um beliebte Aus­flugsziele rund um Old­en­burg und um die Urlaub­sin­sel Wangerooge. Die Zeit von 1920 bis 1945 wird in der drit­ten Sta­tion behan­delt. Besucher kön­nen in einem Holzk­lasseabteil Platz nehmen und durch das Abteil­fen­ster his­torische Dampfloko­mo­tiven beobachten. Aber auch das NS-Regime, der Zweite Weltkrieg und der Ein­satz von Zwangsar­beit­ern bei der Reichs­bahn in Old­en­burg sind The­men dieser Sta­tion.

Die vierte Sta­tion – 1945 bis 1990 – ist bes­timmt von poli­tis­chen Zäsuren und dem Struk­tur­wan­del, der von der Konkur­renz zwis­chen Straße und Schiene aus­geht“, sagt Kura­torin Dr. Lioba Meyer und erläutert: „Einen beson­deren Blick­fang bilden mehrere Comics, die einen Ein­blick in das facetten­re­iche Berufs­bild der Eisen­bah­ner geben.“ Die fün­fte und let­zte Sta­tion befasst sich mit aktuellen Entwick­lun­gen seit 1990. „Im Mit­telpunkt steht die neue Nutzung des ehe­ma­li­gen Bahn­hof­s­gelän­des, aber auch die aktuelle Diskus­sion um die Old­en­burger Bahn­steighalle greifen wir auf. Die Kün­st­lerin Käthe Wen­zel hat dazu einen Car­toon gestal­tet“, erzählt Lioba Meyer. Zum Abschluss der Ausstel­lung erwarten die Besucher ein Mod­ell vom Tran­srapid und ein Zugsim­u­la­tor, an dem man die Per­spek­tive eines Zugführers ein­nehmen und einen Zug über ver­schiedene Strecken lenken kann.

Für Kinder heißt es im Stadt­mu­seum „Bitte ein­steigen!“: In ehe­ma­li­gen Eisenbahn-Transportcontainern gibt es an jeder Sta­tion viel zu ent­decken und zu gestal­ten. Die Kinder kön­nen zum Beispiel Rate­spiele lösen, Eisen­bah­ngeräuschen lauschen und ihren Traumzug malen.

Ausstel­lungss­chw­er­punkte im Muse­ums­dorf Clop­pen­burg

Die Auswirkun­gen des Eisen­bahn­baus auf die Men­schen ste­hen im Muse­ums­dorf Clop­pen­burg im Mit­telpunkt der Ausstel­lung, denn der Bahn­bau verän­derte das Leben in den ländlichen Regio­nen grundle­gend. Die Ausstel­lung bietet dem Besucher die Möglichkeit, 150 Jahre old­en­bur­gis­che Eisen­bah­ngeschichte zu durch­schre­iten. „Die Eröff­nung der ersten Strecke am 14. Juli 1867 wurde damals stür­misch begrüßt“, erzählt Kura­tor Flo­rian Reiß und fährt fort: „Orig­i­nalein­rich­tun­gen aus dem ehe­ma­li­gen Bahn­hof von Burhave in But­jadin­gen erin­nern an die Bedeu­tung, die diesen Ein­rich­tun­gen einst zukam. Häu­fig standen neben dem Land­bahn­hof die Viehwa­gen und wenn das Schlachtvieh gewogen war, gin­gen die Bauern mit dem Viehhändler in die Bahn­hof­s­gast­stätte, um abzurech­nen.“

Ein Kurio­sum des deutschen Föder­al­is­mus stellte der Hal­tepunkt „Lan­des­grenze“ der Clop­pen­burger Klein­bahn „Pin­gel Anton“ dar. In der Ausstel­lung ist er durch ein Mod­ell vertreten. Ihre Blütezeit erlebte die G.O.E. nach der Jahrhun­der­twende. Hier wird Düngemit­tel und Viehfut­ter importiert, dort steht der Tis­chler­meis­ter Müller aus Neuen­burg und bringt seine Möbel zum Bahn­hof. Som­mer­frischler fuhren zu den Hünen­gräbern, nicht ohne sich im Aus­flugslokal Engel­manns­bäke zu erholen. Das Ende des Ersten Weltkriegs brachte auch das Ende der G.O.E. mit sich. Es begann die Reichs­bahnzeit, an deren Ende die Schrecken des Zweiten Weltkriegs standen.

Weiter geht die Zeitreise in der Ausstel­lung: Hun­grige Städter aus dem Ruhrge­biet und Bre­men sind als Ham­ster­fahrer ins Old­en­bur­gis­che Land unter­wegs, um Nahrungsmit­tel einzu­tauschen. Nach der Währungsre­form tritt das Auto seinen Siegeszug an. Die Fol­gen sind bis heute spür­bar: Bahn­strecken wur­den still­gelegt und Bahn­bauten abgeris­sen. Doch in den 1980ern kam die Verkehr­swende. Ein Beispiel hier­für ist die Strecke von Del­men­horst nach Hes­epe. Sie wird heutzu­tage von der Nord­West­Bahn bedi­ent und ist eine wichtige Neben­strecke für den Zugverkehr auf dem Land.

Für Kurzentschlossene: An diesem Woch­enende feiert Old­en­burg seine Eisen­bahn. Das Pro­gramm gibt es unter diesem Link.

Quelle: Stadt­mu­seum Old­en­burg

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